CO2-Bilanz von Dämmstoffen: Was 1.200 kg gespeichertes CO2 pro Tonne wirklich bedeuten
Vincent von Build Blue

Die CO2-Bilanz von Dämmstoffen entscheidet für viele Bauherren mittlerweile mit, welches Material ins Haus kommt – nicht nur der Preis pro Quadratmeter. Unsere Seegrasdämmung speichert rund 1.200 kg CO2 pro Tonne verarbeitetes Material. Mineralwolle dagegen verursacht bei der Herstellung je nach Rezeptur 1.100 bis 1.600 kg CO2 pro Tonne – Ausstoß statt Speicherung. Zwischen beiden liegt damit eine Differenz von rund 2,3 bis 2,8 Tonnen CO2 je Tonne Dämmstoff. Was hinter dieser Zahl steckt, wie sie zustande kommt und warum ausgerechnet Seegras so viel Kohlenstoff bindet, erklären wir in diesem Beitrag.
Was bedeutet CO2-Bilanz bei Dämmstoffen überhaupt?
Die CO2-Bilanz eines Dämmstoffs stellt gegenüber, wie viel Kohlenstoff bei Rohstoffgewinnung und Herstellung freigesetzt oder gebunden wird. Pflanzliche Dämmstoffe wie Seegras speichern weiterhin den Kohlenstoff, den die Pflanze beim Wachstum aus der Atmosphäre aufgenommen hat. Mineralische Dämmstoffe wie Glas- oder Steinwolle setzen dagegen bei energieintensiver Schmelzproduktion CO2 frei, ohne selbst welches zu binden.
Für Bauherren, die ihr Dachgeschoss ökologisch sanieren wollen, ist das mehr als eine Zahl auf dem Datenblatt: Die CO2-Bilanz zeigt, ob ein Baustoff die Atmosphäre während seiner Nutzungsdauer entlastet oder zusätzlich belastet. Bei Naturdämmstoffen bleibt der gebundene Kohlenstoff so lange im Gebäude gespeichert, wie das Material trocken und unverbaut bleibt – oft über Jahrzehnte.
Wie viel CO2 speichert Seegrasdämmung pro Tonne?
Unsere drei Seegrasdämmstoffe – Driftstuff, Wavefill und Seablow – speichern nach aktuellem Stand rund 1.200 kg CO2 pro Tonne verarbeitetes Material, unabhängig vom jeweiligen Produkt. Die Zahl beschreibt den Kohlenstoff, der im Pflanzenmaterial selbst gebunden bleibt, solange die Dämmung im Gebäude verbaut ist.

Die drei Produkte unterscheiden sich in Dichte und Verarbeitung, nicht aber in ihrer Kohlenstoffbilanz: Driftstuff zum traditionellen Stopfen, Wavefill als Schüttung für Böden und Hohlräume und Seablow für die maschinelle Einblasdämmung speichern jeweils dieselbe Menge Kohlenstoff pro Tonne. Je mehr Material verbaut wird, desto mehr Kohlenstoff bleibt im Gebäude gebunden.
Mineralwolle, Glaswolle und Styropor werden oft in einen Topf geworfen, unterscheiden sich in ihrer CO2-Bilanz aber zum Teil deutlich – vor allem Styropor als erdölbasierter Kunststoff liegt laut Umweltproduktdeklarationen (EPD) weit über den beiden mineralischen Dämmstoffen.
| Material | Dichte kg/m³ | λ W/(mK) | CO2-Bilanz (Herstellung) |
|---|---|---|---|
| Seegras | 45–85 | 0,039–0,045 | speichert rund 1.200 kg CO2/t |
| Mineralwolle (Steinwolle) | ca. 30 | 0,035 | Ausstoß rund 1.100–1.600 kg CO2/t |
| Glaswolle | 15–40 | 0,032–0,040 | Ausstoß rund 1.300 kg CO2/t laut Umweltproduktdeklaration |
| Styropor (EPS) | 15–30 | 0,032–0,040 | Ausstoß rund 2.900–3.900 kg CO2/t laut Umweltproduktdeklarationen |
Auf ein ganzes Haus hochgerechnet wird der Effekt schnell deutlich: Bei einer typischen Dachbodendämmung mit 24 cm Wavefill-Schüttung auf 100 m² Fläche kommen rund 1,1 bis 1,3 Tonnen Material zusammen – das entspricht etwa 1.320 bis 1.560 kg gespeichertem CO2, allein für diese eine Fläche. Je nach Gebäudegröße und Dämmstärke addiert sich das über Dach, Wände und Geschossdecken zu einer relevanten Menge.
Warum stößt Mineralwolle CO2 aus, statt es zu binden?
Glas- und Steinwolle entstehen, indem mineralische Rohstoffe bei Temperaturen über 1.400 Grad geschmolzen und zu Fasern geschleudert werden – ein Prozess mit hohem Energiebedarf. Über den gesamten Herstellungsweg verursacht das je nach Rezeptur und Energiemix rund 1.100 bis 1.600 kg CO2 pro produzierter Tonne Dämmstoff, ohne dass das Material selbst Kohlenstoff bindet.
Das macht Mineralwolle nicht automatisch zur schlechten Wahl – sie ist nicht brennbar, formstabil und in nahezu jeder Baustoffhandlung verfügbar. Für die CO2-Bilanz eines Gebäudes bedeutet der Umstieg auf einen kohlenstoffspeichernden Dämmstoff aber einen doppelten Effekt: weniger Emissionen bei der Herstellung und zusätzlich gebundener Kohlenstoff, der über Jahrzehnte im Haus bleibt.
Wie groß ist der Unterschied für ein reales Bauprojekt?
An unserem Referenzprojekt am Schweriner See wird die Zahl konkret: Für die oberste Geschossdecke kamen dort rund 70 m³ Wavefill-Schüttung zum Einsatz, je nach Einbaudichte rund 3,5 Tonnen Material. Darin sind rechnerisch etwa 4.200 kg CO2 gespeichert. Hätte man stattdessen dieselbe Menge Mineralwolle verbaut, wären dabei 3.850 bis 5.600 kg CO2 ausgestoßen worden – macht eine Differenz von rund 8 bis 10 Tonnen CO2 für dieses eine Projekt.
Das ist eine rechnerische Gegenüberstellung auf Basis der eigenen Produktangaben, keine unabhängige Lebenszyklusanalyse des konkreten Projekts – sie zeigt aber, dass sich die CO2-Bilanz nicht nur in der Theorie, sondern schon bei einem einzelnen Dachboden deutlich bemerkbar macht.
Warum können Pflanzen wie Seegras überhaupt so viel Kohlenstoff binden?
Lebende Seegraswiesen zählen laut Bundesamt für Naturschutz zu den effektivsten Kohlenstoffspeichern der Ostsee. Nach Zahlen des Naturschutzbunds (NABU) kann eine Seegraswiese so viel Kohlenstoff binden wie zehn Hektar Wald, weil ein Großteil dauerhaft im sauerstoffarmen Sediment abgelagert wird statt oberirdisch in Blättern und Stängeln.
Diese Fähigkeit besitzt die lebende, wachsende Wiese im Wasser – nicht unser Baustoff. Wir ernten ausschließlich bereits abgestorbenes, an den Strand gespültes Treibsel, nie direkt aus den Seegraswiesen; die Ökosysteme im Wasser bleiben dabei unberührt. Die CO2-Bilanz unseres Materials ist deshalb eine andere Rechnung als die Kohlenstoffsenke der Ostsee: Sie beschreibt den Kohlenstoff, der im geernteten Pflanzenmaterial selbst steckt, nicht die Speicherleistung des lebenden Ökosystems. Fachmedien wie cleanthinking.de weisen ausdrücklich darauf hin, dass sich Rohstoffnutzung und Ökosystem-Kohlenstoffsenke inhaltlich nicht vermischen lassen, auch wenn beide auf derselben Pflanze beruhen.

Ist die CO2-Bilanz das einzige Kriterium bei der Materialwahl?
Nein. Wärmeleitfähigkeit, Brandschutz, Verarbeitung und Kosten spielen für die Dämmwirkung im Alltag mindestens genauso eine Rolle wie die CO2-Bilanz. Für Bauherren, die eine nachvollziehbare Klimabilanz für ihr Bauvorhaben führen oder aus Überzeugung auf einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck achten, ist die Kohlenstoffspeicherung trotzdem oft das entscheidende Zusatzargument.
„Das Leben in einem Seegras-Haus ist fantastisch. Seegras ist günstig, ökologisch und kein Sondermüll.“
Torsten Schaefer, Technischer Leiter
Wie sich Seegras neben der CO2-Bilanz auch bei Wärmeleitfähigkeit, Preis und Verarbeitung gegen Zellulose und Hanf schlägt, zeigt unser ausführlicher Naturdämmstoffe-Vergleich – die CO2-Zahlen sind dort noch einmal eigens eingeordnet.
Häufige Fragen zur CO2-Bilanz von Dämmstoffen
Ist Seegrasdämmung klimaneutral?
Vollständig klimaneutral ist kein Baustoff – auch Ernte, Aufbereitung und Transport von Seegras verursachen Emissionen. Eine unabhängige, vollständige Ökobilanz-Zertifizierung nach EPD-Standard liegt für unsere Produkte noch nicht vor. Die genannten 1.200 kg CO2 pro Tonne beziehen sich auf den im Pflanzenmaterial gespeicherten Kohlenstoff, nicht auf die gesamte Herstellungskette.
Wie unterscheidet sich die CO2-Bilanz von Seegras und Mineralwolle?
Seegrasdämmung speichert rund 1.200 kg CO2 pro Tonne Material. Mineralwolle bindet keinen Kohlenstoff, sondern verursacht bei der Herstellung durch energieintensives Schmelzen je nach Rezeptur 1.100 bis 1.600 kg CO2 pro Tonne. Der Unterschied liegt damit bei rund 2,3 bis 2,8 Tonnen CO2 pro Tonne Dämmstoff.
Zählt Seegrasdämmung zur „Blue Carbon“-Kohlenstoffsenke der Ostsee?
Nicht direkt. Als Blue-Carbon-Speicher gelten laut Bundesamt für Naturschutz lebende Seegraswiesen, die Kohlenstoff dauerhaft im Sediment binden. Wir verarbeiten ausschließlich bereits abgestorbenes, angespültes Treibsel – die CO2-Bilanz unseres Baustoffs ist eine andere Rechnung als die Ökosystemleistung der Wiesen im Wasser.
Wird beim Rückbau von Seegrasdämmung wieder CO2 freigesetzt?
Ja, langfristig schon – wie bei jedem organischen Material wird gespeicherter Kohlenstoff beim vollständigen Verrotten wieder freigesetzt. Trocken verbaut bleibt Seegras aber außergewöhnlich lange stabil: Bei einem Rückbauprojekt fand sich noch intaktes Material aus dem Jahr 1880, das den Kohlenstoff bis heute speichert.
Wie wird die CO2-Bilanz von Dämmstoffen überhaupt berechnet?
Bei pflanzlichen Dämmstoffen wird meist der im Material gebundene Kohlenstoff der Herstellung gegenübergestellt. Bei mineralischen Dämmstoffen zählt vor allem der Energieverbrauch beim Schmelzprozess. Eine vollständige, herstellerübergreifend vergleichbare Ökobilanz verlangt eine unabhängige EPD-Zertifizierung (Umweltproduktdeklaration), die für viele Naturdämmstoffe bislang fehlt.
Hinweis: Die Informationen in diesem Beitrag erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und dienen der ersten Orientierung. Sie ersetzen keine individuelle Beratung durch einen Fachplaner, Energieberater oder Handwerksbetrieb. Für dein konkretes Bauvorhaben sollte die Ausführung fachlich geprüft werden.

