Seegras als Baustoff: Vom Dach auf Læsø zur Einblasdämmung von heute

Auf der dänischen Insel Læsø stehen Häuser, deren Dächer seit rund 300 Jahren aus Seegras bestehen – kein Experiment, sondern jahrhundertelange Praxis. Wir bei Build Blue verarbeiten dasselbe Rohmaterial heute zu Dämmstoff, nicht zu Dachdeckung. Die Geschichte zeigt trotzdem etwas Wichtiges: Seegras als Baustoff ist kein neuer Trend, sondern ein Material mit einer sehr langen Bewährungsprobe.

300 Jahre auf dänischen Dächern

Auf Læsø, einer Insel im Kattegat, wurde über Jahrhunderte Salz aus Grundwasser gewonnen – ein Geschäft, das enorme Mengen Brennholz verschlang. Im 17. Jahrhundert waren die Wälder der Insel dafür abgeholzt. Weil Bauholz knapp wurde, deckten die Bewohner ihre Dächer stattdessen mit Seegras (dänisch: tang) und bauten das Gerüst aus Treibholz. Im 18. Jahrhundert war das die Regel, nicht die Ausnahme: Praktisch jedes Dach der Insel war mit Seegras gedeckt. Weil die Männer oft monatelang auf See waren, lag das Decken der sogenannten Tanghäuser meist in den Händen der Frauen.

Die Dächer hielten nach Angaben einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit zum Thema rund 300 Jahre – deutlich länger als die meisten konventionellen Dacheindeckungen. Durch den hohen Salzgehalt brennt getrocknetes Seegras zudem schlecht und wirkt feuerhemmend. Erst als die Seegrasbestände in dänischen Gewässern 1932 und 1933 durch eine Pflanzenkrankheit stark einbrachen und gleichzeitig neue Baumaterialien verfügbar wurden, verschwanden die Tangdächer nach und nach. Von einst geschätzt rund 300 Gebäuden sind heute noch etwa 30 erhalten – mittlerweile unter Denkmalschutz und auf der dänischen Tentativliste für das UNESCO-Weltkulturerbe.

Frisches Seegras am Strand, Ostseeküste bei Poel
Derselbe Rohstoff wie auf Læsø – nur mit anderem Ziel: nicht aufs Dach, sondern in die Dämmung.

Ein anderer Einsatzzweck, derselbe Pflanze

Auf Læsø lag das Seegras offen auf dem Dach und musste Wind und Wetter direkt standhalten. Wir setzen es genau andersherum ein – verarbeitet, getrocknet und verdichtet im Inneren von Dach oder Wand, geschützt vor UV-Licht und Niederschlag. Das ist ein anderer Einsatzzweck, was aber bleibt, ist die Grundeigenschaft des Materials: Trocken verrottet es praktisch nicht. Bei einem Rückbauprojekt auf Poel kam Seegras zum Vorschein, das rund 140 Jahre zuvor zwischen Dachbalken verbaut worden war – intakt und ohne Schimmelbefall (mehr dazu in unserem Beitrag „Schimmelt Seegrasdämmung?“).

Von Hand zur Maschine: moderne Einblasdämmung

Auf Læsø wurde das Seegras von Hand gesammelt, getrocknet und in dicken Lagen aufs Dach gebunden. Wir ernten angespültes Seegras an der Ostseeküste bei Poel, trocknen es und verarbeiten es maschinell zu drei Produkten mit unterschiedlicher Körnung und Dichte: Wavefill als Schüttung für Boden und Hohlraum (45–55 kg/m³, λ 0,040), Driftstuff zum Stopfen aus längeren Fasern (55–65 kg/m³, λ 0,045) und Seablow für die maschinelle Einblasdämmung (75–85 kg/m³, λ 0,039). Eingebracht wird Seablow von einem Fachbetrieb mit Einblasgerät – idealerweise von einem, der bereits Erfahrung mit Seegras als Material hat, da es sich anders verhält als Zellulose oder Mineralwolle.

Mitarbeiter sortiert verarbeitetes Seegras in Lagerboxen in der Build-Blue-Produktion
Von der Düne in die Trocknungskiste: Angefangen haben wir mit der Trocknung in Getreidekisten.

Ein Unterschied zu Læsø bleibt dabei bestehen: Dort wurde Seegras gezielt geschnitten und geerntet. Wir sammeln dagegen ausschließlich angespültes Material, das ohnehin an den Strand gespült wird – lebende Seegraswiesen bleiben unberührt, weil sie als Ökosystem eine eigene, davon unabhängige Funktion erfüllen. Für die Dämmeigenschaften macht das keinen Unterschied, für die Ökobilanz der Beschaffung aber schon.

Warum uns die Geschichte wichtig ist

Die Tanghäuser auf Læsø sind kein Beweis dafür, dass unsere Dämmung 300 Jahre hält – dafür ist Build Blue als Unternehmen schlicht zu jung, und die Anwendung ist eine andere. Sie zeigen aber, dass Seegras als Baustoff unter realen Witterungsbedingungen über Generationen funktioniert hat, lange bevor es Prüfsiegel oder Umweltproduktdeklarationen gab. Die moderne Einblasdämmung übersetzt diese Materialeigenschaft in eine Anwendung, die zum heutigen Bauen passt: verdichtet, kalibriert und maschinell eingebracht, statt von Hand aufs Dach gebunden.

Drei Build-Blue-Mitarbeiter stehen im Hof der Produktionshalle auf Poel
Aus Handarbeit wurde ein kleines Team mit Maschinen – das Material ist dasselbe geblieben.

Häufige Fragen

Ist das Seegras von Build Blue dasselbe wie auf den Tanghäusern von Læsø?
Botanisch handelt es sich um dieselbe Pflanzengattung (Seegras, nicht zu verwechseln mit Algen/Seetang). Die Herkunft unterscheidet sich – wir verarbeiten Material von der Ostseeküste bei Poel, nicht vom Kattegat – und vor allem die Verwendung: bei uns als Dämmstoff im Gebäudeinneren, auf Læsø als offene Dacheindeckung.

Warum wird Seegras heute nicht mehr als Dachmaterial verwendet?
Die Seegrasbestände in dänischen Gewässern brachen 1932/33 durch eine Pflanzenkrankheit stark ein, parallel wurden andere Dachmaterialien verfügbar und günstiger. Als Dämmstoff ist Seegras dagegen wirtschaftlich und technisch wieder eine Option, weil es sich maschinell verarbeiten und in geschützten Hohlräumen einbauen lässt.

Ist Seegrasdämmung brandsicher?
Der natürliche Salzgehalt wirkt feuerhemmend, ganz ohne zugesetzte Flammschutzmittel wie Borsalz. Das ist eine in der Branche verbreitete Herstelleraussage, die sich mit historischen Beobachtungen deckt – eine unabhängige brandschutztechnische Zertifizierung speziell für unsere Produkte haben wir bereits vorliegen.

Mehr zu unseren Produkten gibt es auf der Seegrasdämmung-Übersichtsseite und im Shop. Wie sich Seegras im direkten Vergleich zu anderen Naturdämmstoffen schlägt, haben wir in „Seegras, Zellulose oder Hanf?” gegenübergestellt, und wie die CO2-Bilanz im Detail aussieht, in „CO2-Bilanz von Dämmstoffen“.

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